Lausanne: Lorena Wiebes dominiert Auftaktetappen der Tour de France Femmes

Wiebes’ Dominanz auf den ersten Etappen
Lorena Wiebes hat die ersten beiden Etappen der Tour de France Femmes dominiert. Sie gewann den Sprint in Genf überlegen und sicherte sich damit am zweiten Tag erneut das Gelbe Trikot. Bereits am ersten Tag in Lausanne sprintete Wiebes zum Sieg und übernahm das erste Gelbe Trikot der diesjährigen Tour.
Ihre beeindruckende Form zeigt sich auch darin, dass sie nicht nur auf reinen Sprintetappen als Favoritin gilt. Seit Ende Juli hat die 27-jährige Sprinterin fünf Siege in fünf Rennen gefeiert, beginnend mit ihrem Erfolg bei der Polen-Rundfahrt. Insgesamt ist es ihr sechzehnter Saisonerfolg.
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Rolf Aldag, Sportdirektor des deutschen Teams Canyon//Sram, beschrieb Wiebes’ Leistung nach der zweiten Etappe als außergewöhnlich. Er äußerte, dass im Sprint alle anderen Fahrerinnen im Vergleich zu ihr wie Jugendfahrerinnen aussehen würden und sie im Sprint unschlagbar sei. Aldag betonte, dass Wiebes so stark sei, dass sie wahrscheinlich auch im Männer-Peloton um den Sieg mitsprinten könnte.
Seit der Wiedereinführung der Tour de France Femmes hat keine andere Fahrerin so viele Etappen gewonnen wie Wiebes, die mittlerweile sieben Siege verbuchen kann. Vor vier Jahren trug sie bereits einmal das Gelbe Trikot, musste es jedoch direkt am zweiten Tag wieder abgeben. In diesem Jahr übertrifft sie ihre bisherigen Leistungen.


Die Entwicklung des Frauenradsports
Die diesjährige Tour de France Femmes, die zum fünften Mal unter diesem Namen stattfindet, wird als ein wichtiges Statement für den Frauenradsport betrachtet. Die erste Zielankunft in Lausanne zog Zehntausende Zuschauer auf den letzten Kilometern an. Dort attackierte Mitfavoritin Demi Vollering 700 Meter vor dem Ziel, wurde jedoch eingeholt, was den Weg für Wiebes’ Sieg ebnete.
Die Auftaktetappe über 138 Kilometer mit Start und Ziel in Lausanne war laut, wild und spannend und zeigte den Status, den die Tour de France der Frauen inzwischen erreicht hat. Die Tour umfasst 1175 Kilometer und 18.795 Höhenmeter auf neun Etappen, beides sind Rekordwerte für das Frauenrennen. Im Vergleich zu den 21 Abschnitten der Männer-Tour mit 3200 Kilometern und über 54.000 Höhenmetern mag dies gering erscheinen, doch die Frauen-Tour wird als Zeichen der Emanzipation gewertet.
Ein wichtiger Aspekt ist die Terminierung der Frauen-Tour, die erstmals eine eigene Bühne erhält. Bisher starteten die Frauen parallel zum Schlusswochenende der Männer. Tour-Direktorin Marion Rousse erklärte, dass diese Überschneidung ursprünglich notwendig war, um die Aufmerksamkeit der Fans des Männerrennens zu sichern. Mittlerweile sei das Rennen jedoch so stark gewachsen, dass die Fans die Frauen-Tour als eigenständiges Event wahrnehmen und sich der Luxus erlaubt werden kann, eine Woche später zu starten, so Rousse gegenüber der spanischen Zeitung Marca.
Die Veranstalter der ASO, die auch die Männer-Tour organisieren, haben damit einen weiteren Schritt zur Autonomie des Frauenradsports ermöglicht. Zuvor hatte der Weltverband UCI Reformen angestoßen, darunter die Einführung einer zweiten Profi-Liga, die Aufstockung des Rennkalenders und ein Mindestgehalt für Fahrerinnen. Die Leistungsdichte an der Weltspitze ist merklich gestiegen, ebenso wie die Kosten für die Teams.
Herausforderungen und Ausblick
Trotz der wachsenden Popularität gibt es auch Herausforderungen. Claude Sun, ehemaliger Geschäftsführer des deutschen Teams Ceratizit Pro Cycling, das im September 2025 aus finanziellen Gründen aufgelöst wurde, merkte an, dass sich der Frauenradsport in den letzten vier Jahren zu schnell entwickelt habe. Er glaubt, dass die UCI das gleiche Niveau wie für Männer erreichen wollte, aber die Sponsoren vergessen hat, die das Geld bereitstellen. Der Betrieb eines World-Tour-Teams kostet laut Sun inzwischen um die fünf Millionen Euro, mehr als doppelt so viel wie noch 2022. Dies führte dazu, dass sich für die 15 verfügbaren Plätze bei dieser Tour nur 14 Teams bewarben.
Die steigende Popularität wird jedoch nicht aufgehalten. Die Tour Femmes wird in etwa 190 Ländern übertragen und erreicht ein Millionenpublikum. In Deutschland zeigen die ARD und Eurosport die Etappen im TV und im Stream. Die Spannung dürfte auf jeder der neun Etappen bis zum 9. August anhalten.
Die Strecke führt von der Schweiz bis nach Nizza und beinhaltet unter anderem die Auffahrt zum Mont Ventoux in Südfrankreich, wo die Fahrerinnen 15,7 Kilometer mit 8,8 Prozent Steigung bewältigen müssen. Das Finale an der Côte d’Azur beinhaltet eine anspruchsvolle Kletterei mit vier Überquerungen des Col d’Eze. Rousse beschrieb das Finale als „ein bisschen wie ein Feuerwerk“.
Das Starterfeld ist hochkarätig, angeführt von Titelverteidigerin Pauline Ferrand-Prévot aus Frankreich, der früheren Tour-Siegerin Demi Vollering und Katarzyna Niewiadoma-Phinney aus Polen. Rousse hob hervor, dass seit Saisonbeginn praktisch jedes Wochenende eine andere Siegerin gefeiert wurde, was für viel Spannung sorge. Die deutsche Zuschauerschaft wird besonders Franziska Koch im Auge behalten, die Gewinnerin von Paris-Roubaix Mitte April, die Etappensiege anstreben könnte. Antonia Niedermaier, die als Gesamtzweite des Giro d’Italia Anfang Juni bestach, wird voraussichtlich als Edelhelferin ihrer Teamkapitänin Niewiadoma-Phinney agieren.
Die Siegerin der Gesamtwertung erhält 50.000 Euro, womit die Tour de France Femmes zu den bestdotierten Rennen im Frauenradsport zählt. Allerdings besteht weiterhin eine finanzielle Kluft zur Tour de France der Männer, bei der der Gesamtsieger 500.000 Euro erhält, also das Zehnfache.
Lorena Wiebes pflegt eine komplizierte Beziehung zur Tour, da sie die Rundfahrt 2022 und 2023 aufgrund von Stürzen abbrechen musste. Erst im vergangenen Jahr gewann sie als beste Sprinterin ihr erstes Wertungstrikot. Ihr „Killerinstinkt“ auf dem Rennrad, wie sie es selbst nennt, setzt ein, wenn sie im Sprintfinale den Kopf abschaltet und sich konzentriert. Diese mentale Stärke wird durch ein angepasstes Training unterstützt, das darauf abzielt, ihre Kletterfähigkeiten zu verbessern, während ihre Sprintfähigkeiten auf hohem Niveau gehalten werden. Seit diesem Winter hat sie auch mehr Krafttraining mit Fokus auf explosive Elemente absolviert. Das neue Training könnte sich auch auf der dritten Etappe von Genf nach Poligny auszahlen, die eigentlich kein Terrain für Sprinterinnen ist, aber bei einem unbeschadeten Verlauf von Wiebes erneut einen Etappensieg ermöglichen könnte.
Source: sportschau.de